Regelstudiengang vs Modellstudiengang Medizin

Während viele Medizinstudierende oftmals erst nach Jahren in Kontakt mit Patienten kommen, sind andere von Anfang an mitten im Klinikalltag. Der Grund sind unterschiedliche Studienmodelle. Doch welches bringt besser durchs Studium und zum Arztberuf: der „Modellstudiengang“ oder der „Regelstudiengang“? Hier erklären wir die Unterschiede der beiden Modelle im Medizinstudium.
Wie ist der Studienaufbau im Regelstudiengang Medizin?
Der Regelstudiengang ist das klassische, bundesweit einheitlich geregelte Modell des Medizinstudiums in Deutschland, und das bereits seit DDR-Zeiten. Charakteristisch für den Regelstudiengang ist die strikte Trennung in zwei Abschnitte: Die Vorklinik und die Klinik.
Als Vorklinik wird das erste bis vierte Semester bezeichnet. Es geht hier vor allem um die Grundlagen. Der Fokus liegt daher stark auf Theorie und naturwissenschaftlichem Wissen. Abschließend wird im sogenannten Physikum überprüft, ob das Basiswissen auch wirklich sitzt. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen müssen insgesamt 320 Fragen aus den Bereichen Biochemie, Anatomie, Chemie, Physik, Physiologie, Psychologie, Soziologie und Biologie beantwortet werden. Als wäre das nicht schon genug, schließt sich dem auch noch eine mündliche Prüfung in Anatomie, Biologie und Physiologie an. Wer besteht, hat den 1. Abschnitt der ärztlichen Prüfung gemeistert.
In der Klinik (etwa fünftes bis zehntes Semester) kommen, wie der Name schon sagt, die klinischen Fächer dazu: Dazu gehört zum Beispiel die Innere Medizin, Chirurgie, Neurologie, Gynäkologie etc. Die Lehre bleibt allerdings oft theorielastig, Praxiserfahrung kommt eher durch Praktika und Famulaturen dazu. Letztere sind so etwas wie Praktika in Arztpraxen oder Kliniken. Insgesamt müssen vier Monate Famulatur absolviert werden, davon sind ein Monat in einer Praxis und zwei Monate im Krankenhaus Pflicht.
Im letzten Studienjahr folgt das Praktische Jahr (PJ). Hier arbeitet man ganztägig in der Klinik auf drei Stationen (Innere, Chirurgie und ein Wahlfach). Die Standorte sind dabei frei wählbar.
Nach dem 10. Semester findet der 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung statt, umgangssprachlich auch „Hammerexamen“ genannt. Dabei handelt es sich um eine umfangreiche schriftliche Prüfung, die über drei Tage geschrieben wird und aus insgesamt 320 Fragen besteht.
Kritik am Regelstudiengang
Bereits gegen Ende der 90er-Jahre wurden Stimmen gegen den Regelstudiengang laut: die Strukturen seien veraltet, die Inhalte des Studiums zu wenig praxisorientiert. Insbesondere die strikte Trennung von vorklinischen und klinischen Studienabschnitt wurde von vielen Fakultäten als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Zudem haben Studierende des Regelstudiengangs erst nach dem 4. Fachsemester Patientenkontakt, wenn man vom vorgeschriebenen Krankenpflegepraktikum absieht. Eine kritische Überprüfung der Studienwahl ist also erst sehr spät möglich, zumal viele Studierende wohl bereits vorher an diesem sehr theorielastigen Modell die Motivation verloren haben.
Als Reaktion auf die kritischen Stimmen sowie Alternative zum traditionellen Aufbau des Regelstudiengangs sind um die Jahrtausendwende die Modellstudiengänge entstanden.
Wie ist der Studienaufbau im Modellstudiengang Medizin?
Der Modellstudiengang ist eine etwas „innovativere“ Form des Medizinstudiums. Die Idee dahinter ist, das Studium praxisnäher, integrierter und studierendenfreundlicher zu gestalten. Die Grundlage dafür bietet § 41 der Approbationsordnung, der es Hochschulen erlaubt, eigene curriculare Konzepte zu entwickeln. Heißt im Klartext: Es existiert kein einheitliches Modell des Modellstudiengangs, die Universitäten haben einen gewissen Gestaltungsfreiraum.
Ein einheitliches und wichtiges Merkmal des Modellstudiengangs ist die Verzahnung von theoretischen und klinischen Inhalten, und das von Anfang an. So ist es möglich, dass die Studierenden bereits im ersten Semester Patient*innenkontakt haben und theoretisch Inhalte direkt mit Fallbezug lernen. Neben diesen frühen praktischen Einblicken liegt im Modellstudiengang auch ein stärkerer Fokus auf außermedizinischen Fähigkeiten wie ärztliche Kompetenz, Kommunikation und Teamarbeit.
Das Curriculums ist in themenfokussierten, oft organbezogenen, Fachblöcken organisiert, die praxisnah vermittelt werden. Für viele Studierende ist es dadurch leichter, medizinische Zusammenhänge zu verstehen. Zudem werden oft mehr Wahlmöglichkeiten geboten, wodurch sich Studierende schon früher auf die Bereiche fokussieren können, die sie besonders interessieren.
Auch in puncto Prüfungsordnung unterscheidet sich der Modellstudiengang maßgeblich vom Regelstudiengang. Erneut verzichtet der Modellstudiengang nämlich auf die klassische Zweiteilung in den 1. und 2. Abschnitt der ärztlichen Prüfung. Stattdessen wird auf kontinuierliche Prüfungen gesetzt. So gibt es nach jedem Modul eine abschließende Modulprüfung, oft in Form von Klausuren oder praktischen Prüfungen, auch mündlich kann das Wissen getestet werden. Inhalte aus Vorklinik und Klinik werden gemeinsam geprüft, also so, wie sie auch gelehrt werden. Zusammengefasst wird im Modellstudiengang früher, kleinteiliger und praxisnäher geprüft. Statt alles auf einmal wie im Physikum zu lernen, haben Studierende regelmäßig Prüfungen zu absolvieren. Achtung: Der inhaltliche Anspruch bleibt natürlich gleich und auch die Staatsexamina bleiben erhalten.
Was ändert sich mit der neuen 2025er Approbationsordnung?
Vier Jahre, nachdem der Masterplan Medizinstudium 2020 vorgelegt wurde, hat das Bundesgesundheitsministerium nun den Entwurf für die neue Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO) vorgelegt. Damit soll sich die medizinische Ausbildung in Deutschland verändern. Die folgenden Ausführungen sind keineswegs vollständig, sondern greifen einige Punkte auf, die das Thema Modell-/Regelstudiengang betreffen.
Zum einen sieht der Entwurf die Verzahnung theoretischer und klinischer Inhalte ab dem ersten Semester vor. Damit soll die strenge Trennung zwischen Vorklinik und Klinik aufgehoben werden. Im Allgemeinen soll das Studium kompetenzorientierter ausfallen, etwa mit der verstärkten Fokussierung auf das Arzt-Patienten-Verhältnis.
Eine weitere entscheidende Änderung: Das erste Staatsexamen soll aufgeteilt werden, entsprechend gäbe es dann insgesamt vier Staatsexamina. Das erste schriftliche Staatsexamen soll weiterhin nach dem vierten Semester stattfinden. Das zweite Staatsexamen soll in Form einer Objective Structured Clinical Examination (OSCE), also als klinisch-praktische Prüfung nach dem sechsten Semester absolviert werden.
Kritik gibt es dagegen unter anderem vom Marburger Bund und dem Hartmannbund dafür, dass sich das Arbeitspensum mit dem neuen Entwurf deutlich erhöhen würde.
Der Entwurf ist noch nicht final beschlossen – es ist aber damit zu rechnen, dass sich einige Punkte in den nächsten Jahren verändern werden.
Wo gibt es Regelstudiengänge in Deutschland?
Mittlerweile bietet nur noch die Universität in Dresden sowohl Regel- als auch Modellstudiengang an. An diesen Universitäten wird derzeit Humanmedizin im Regelstudiengang gelehrt:
- Bonn
- Duisburg-Essen
- Dresden
- Erlangen-Nürnberg
- Erlangen-Bayreuth
- Frankfurt a.M.
- Freiburg
- Gießen
- Göttingen
- Greifswald
- Halle-Wittenberg
- Heidelberg
- Jena
- Kiel
- Leipzig
- Lübeck
- Magdeburg
- Mainz
- Marburg
- München
- Münster
- Regensburg
- Rostock
- Saarland
- Tübingen
- Ulm
- Würzburg
Wo gibt es Modellstudiengänge in Deutschland?
- Aachen
- Augsburg
- Berlin
- Bielefeld
- Bochum
- Dresden
- Dresden-Chemnitz
- Düsseldorf
- Hamburg
- Hannover
- Köln
- Mannheim-Heidelberg
- Oldenburg
Auch an den privaten Hochschulen in Witten/Herdecke und Brandenburg wird Medizin im Modellstudiengang gelehrt.
Ist ein Modellstudiengang immer die bessere Wahl?
Modellstudiengänge bieten ein modernes Modulsystem, praxisorientierte Ansätze und teils auch eine größere Flexibilität. Während der Regelstudiengang der Humanmedizin einer ganz klaren Struktur folgt, zeichnen sich Modellstudiengänge durch mehr Freiheit aus.
Durch das Wegfallen der großen Prüfungen erhöht sich jedoch auch die Prüfungsfrequenz, was ebenso ein hohes Maß an Selbstdisziplin erfordert. Für manche Studierende kann das sogar belastender sein als die klaren Prüfungsphasen. Letztlich geht es um die persönliche Präferenz. Für Studierende, die mehr Freiheit und Praxiserfahrung wollen, ist ein Modellstudiengang eine gute Wahl. Doch auch eine klare Struktur mit festen Prüfungsphasen kann Vorteile haben.
Inwieweit betrifft mich das, wenn ich im Ausland studiere?
Ein Wechsel zwischen Modell- und Regelstudiengang ist kaum möglich, weder innerhalb von Deutschland noch vom Ausland nach Deutschland. Die Ausbildung im Modellstudiengang ist sicherlich praxisnäher und macht mehr Spaß, ein Wechsel ist allerdings auch hier weitgehend ausgeschlossen. Wer Wechselambitionen hat, sollte im Ausland einen Studiengang wählen, dessen Curriculum dem deutschen Regelstudiengang entspricht und nicht damit rechnen, dass ein Quereinstieg an eine deutsche Universität mit Modellstudiengang gelingt.
In vielen anderen Ländern, etwa den Niederlanden, werden schon lange integrierte Curricula angeboten.
